Fasten, einmal anders
- Serena
- 13. Feb. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Früher hatten wir eine Sparbüchse. Da kam kein Geld rein, sondern Süssigkeiten. Vom Aschermittwoch bis zum Ostersonntag wurde bei uns gefastet. Das Endergebnis war ein seltsam übersüsses erstes Schokoladenei am Ostersonntag, bevor sich der Geschmackssinn wieder an den Zucker gewöhnte und Schokolade, die nach irgendwelchen Gummibärchen roch, da sich die verschiedenen Geschmäcker in der hermetisch abgeriegelten Büchse während der sechs Wochen kreativ vermischt hatten.
Bewusst auf Dinge zu verzichten, finde ich eine schöne Tradition. Ich habe oft gemerkt, dass ich eigentlich auch ohne Schokolade ganz gut klar komme und habe sie gleichzeitig auch wieder sehr gerne gegessen und für ihr Dasein geschätzt 😉. Auch wenn ich mit der Kirche nicht mehr viel am Hut habe, finde ich den Gedanken schön, dass rund um die Welt Millionen von Menschen gemeinsam auf irgendetwas verzichten. Das verleiht dem Ganzen mehr Gewicht und zusammen geht es bekanntlich immer leichter.

Dabei muss es ja nicht unbedingt Zucker sein. Warum nicht mal auf Arbeit, nervige Familienmitglieder oder Sport verzichten? Nein, Quatsch 😜. Aber ich habe tatsächlich dieses Jahr mal etwas anderes vor. Beim Fasten geht es schlussendlich darum, dass wir auf eine schlechte Gewohnheit verzichten, wobei ich den englischen Begriff «guilty pleasure» sehr passend finde. Diese Genüsse, denen wir mit schlechtem Gewissen nachgeben. So ganz im Sinne von «Versuchungen sollte man nachgeben, wer weiss, ob sie wiederkommen». Klassische Beispiele dafür sind Süssigkeiten, Fast Food, Alkohol oder Doom Scrolling durch die Sozialen Medien. Oder in katholischen Kategorien: Trägheit, Völlerei und Neid – also im Falle der Sozialen Medien. Online bin ich auf die verschiedensten modernen Ideen gestossen, wenn es ums Fasten geht: Smartphone-Fasten, Plastik-Fasten, CO2-Fasten, Kaffee-Fasten, Fleischfasten, … In unserer heutigen Konsumwelt gibt es ja unzählige Möglichkeiten 😝.
Als mir vor einigen Tagen in den Sinn gekommen ist, dass die Fastenzeit bald losgeht, habe ich mir ein paar Gedanken dazu gemacht. Auf Süsses zu verzichten, kommt für mich im Moment nicht in Frage, da ich einige Zeit lang ein sehr ungesundes Essverhalten hatte und mich deshalb nicht mehr einschränken möchte. Als ich mir überlegt habe, was ich zu oft tue, obwohl es mir eigentlich nicht gut tut, ist mir neben den üblichen Verdächtigen etwas anderes in den Sinn gekommen. Selbstzweifel. Die habe ich zwar nicht mehr so häufig wie früher, aber immer noch viel zu oft. Wenn etwas nicht läuft, dann nehme ich die Schuld gerne auf mich. Habe ich in der Schule einen doofe Unterrichtsstunde? Dann war ich entweder zu strikt oder zu lasch, je nachdem, was besser passt oder ich bin zu wenig auf die Kids eingegangen. Dass auch die Kids ihren Teil verantworten, kommt mir zwar in den Sinn, aber es ist viel einfacher, wenn ich alle Verantwortung konsequent zu mir nehme. Dann habe ich nämlich die Kontrolle.
An mir selbst zu zweifeln, ist über die Jahre zu einer schlechten Gewohnheit geworden, da ich mich dadurch sicherer fühle. Wenn ich an allem selbst Schuld bin, habe ich auch die Macht, alles zu kontrollieren. Doof dabei ist, dass das sehr, sehr anstrengend ist, unnötig viel Hirnkapazität einnimmt, mich schwächt, weil ich mich kleiner mache, als ich bin und es meistens nicht der Realität entspricht. Deshalb werde ich für die nächsten sechs Wochen Selbstzweifel fasten. Ehrlichgesagt weiss ich noch nicht genau, wie das geht. Vielleicht liegt es daran, dass unser Gehirn Probleme hat mit dem «nicht». Etwas «nicht» zu denken, geht ja bekanntlich nicht - wir erinnern uns an den rosaroten Elefanten 😉. Jede Lehrperson weiss, dass man Klassenregeln positiv formuliert, also so im Sinne von «Wir hören einander zu.» anstatt «Wir schwatzen nicht rein.» Auch Ziele sollte man positiv und aktiv formulieren. Also nicht «Ich zweifle nicht an mir selbst.» sondern, hmm 🤔 Was will ich tun, anstatt an mir selbst zu zweifeln?
Da mich Selbstzweifel auch am beruflichen Wachstum hindern, möchte ich mutig ausprobieren, worauf ich gerade Lust habe. Zum Beispiel ganz viele Blogartikel schreiben, ohne mir Gedanken darüber zu machen, wie das bei anderen ankommt. Also ohne das «ohne». Ihr wisst schon… 😉 Ich will Situationen realistisch einschätzen und nur für den Teil die Verantwortung übernehmen, der tatsächlich bei mir liegt.
Ich freue mich jetzt schon, auf meine entspannte Fastenzeit, mit viel freier Brainpower, für Dinge, die mir tatsächlich etwas bringen und einer ganz neuen Freiheit, zu tun, worauf ich wirklich Bock habe 😊.
Hier einige Ideen, falls du auch Lust hast, dieses Jahr mal anders zu fasten:
Perfektionismus-Fasten: Ganz nach dem Motto «Gut ist gut genug».
People-Pleasing-Fasten: Nicht so handeln, wie man sollte, sondern so handeln, wie es DEINEN Werten entspricht. Und kleiner Tipp: «Danke, ich werde es mir überlegen und mich dann wieder bei dir melden», nimmt dir Druck und so hast du genug Zeit, um dir zu überlegen, was für dich stimmt.
Schuld-Fasten: Anstatt: «Wieso habe ich wieder Schmerzen? Was habe ich falsch gemacht? Warum wirkt die Therapie nicht? Warum bin ich so unfähig?», gehe sanft mir dir um und stelle dir die Frage: «Was kann ich in diesem Moment tun, damit es mir besser geht?»
Opfer-Fasten: Anstatt: «Warum trifft es immer mich? Warum muss ich diese Schmerzen haben? Warum schaffen es alle, nur ich nicht?», stellst du dir die Frage: «Was kann ICH tun, damit mein Leben ein kleines Bisschen besser/ schöner/ bunter/ lebendiger wird?»
Das Wichtigste dabei: Egal, worauf du verzichtest; wenn du ähnlich tickst wie ich, wirst du irgendwann reinfallen. Ich kenne mich gut. Ich werde so oft in die Falle tappen und an mir zweifeln. «Ach Mist!", werde ich denken, "jetzt habe ich es schon wieder getan!» Oder? Nein! Ich werde mich dafür feiern, dass ich diesen Gedanken entdeckt habe, ihn liebevoll verabschieden und mich wieder meinem Leben zuwenden.
In diesem Sinne, viel Spass und lass es mich wissen, wie's gelaufen ist 😃.
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