
Pain Reprocessing Therapy
Besser auf neuen Wegen stolpern,
als auf alten Pfaden auf der Stelle zu treten.
Casey und der Footballspieler sprachen beide sehr gut auf PRT an. Bei anderen Patient*innen, die mit PRT arbeiten, dauert es länger, bis sie sich besser fühlen. Besonders Caseys Fall hat jedoch dazu geführt, dass man PRT auch in einer ersten Studie untersucht hat. Wegen der Fernsehshow machte man zwei MRIs von Caseys Gehirn - eines vor und eines nach der Therapie – und man konnte sehen, dass sich die Aktivität in seinem Gehirn verändert hatte. Caseys Erfolgsgeschichte in Kombination mit den erstaunlichen MRIs war schliesslich der Anstoss für die Boulder Back Pain Study (Boulder Rückenschmerz-Studie).
Die Ursache behandeln
Die Ursache für viele chronische Schmerzen findet man also im Gehirn. Das Gehirn hat gelernt, diesen Schmerz auszulösen. Nun denkst du vielleicht: «Na toll! Und was hilft mir das? Willst du damit etwa sagen, ich bilde mir die Schmerzen nur ein?!»
Nein! Im Gegenteil! Die Schmerzen sind echt, brutal und gnadenlos. Doch die Lösung liegt nicht in deinem Körper, sondern in deinem Gehirn (wobei das ja auch ein Teil deines Körpers ist 😉).
Die Schulmedizin steht Menschen mit chronischen Schmerzen oft etwas hilflos gegenüber. Schmerzmittel, Physiotherapie, Antidepressiva – man versucht irgendwie die Symptome zu bekämpfen. Und es ist auch wirklich schwierig, so ein komplexes Phänomen zu behandeln. In der Schmerzmedizin verwendet man zudem das bereits erwähnte Integrative Behandlungsmodell von Roland Schreiber, das zum Ziel hat Körper und Psyche auf vielfältige Weise zu entlasten.
Die Pain Reprocessing Therapy (PRT) versucht an der Ursache anzusetzen. Patient*innen lernen verschiedene Techniken kennen, mit denen sie ihr Gehirn neu programmieren können. Auch das ist kein Allerheilmittel und auch keine Wunderpille, die man einwirft und alles wird gut. Aber es ist ein neuer, spannender Ansatz, der mir und vielen anderen Patient*innen mit chronischen Schmerzen geholfen hat.
Einer der Begründer der PRT heisst Alan Gordon. In seinem Buch «Wege aus dem Schmerz» beschreibt er zwei eindrückliche Fälle:
Ein ehemaliger College Footballer hatte zwei grosse Diskushernien, die teilweise auf seinen Nerv drückten. Seit dreissig Jahren konnte er weder sitzen, stehen noch gehen, ohne Schmerzen zu haben. Trotz dieser Diagnose war er nach zwei Monaten PRT schmerzfrei.
2014 war Casey ein ganz normaler Neuntklässler. Er liebte Star Wars und Basketball und hasste Algebra und Chemie. Eines Tages hatte er plötzlich stechende Bauchschmerzen. Seine Eltern liessen ihn mit Verdacht auf Blinddarmentzündung im Krankenhaus untersuchen. Doch auch nach einer Röntgenuntersuchung, MRIs, CTs und sogar Laparotomien (Operationen, bei denen der Bauchraum geöffnet und nachgeschaut wird, was nicht stimmt) fanden die Ärzte und Ärztinnen nichts, was für die Bauchschmerzen verantwortlich sein könnte.
Casey hatte immer mehr Probleme, in der Schule zu funktionieren. Er verliess das Basketballteam und musste schliesslich sogar die Schule verlassen. 2016 wandten sich seine Eltern aus purer Verzweiflung an eine amerikanische Fernsehshow «The Doctors», die sich besonders schweren und rätselhaften Fällen annahmen. Sie wandten sich an Alan Gordon. Nach drei Monaten PRT war Casey schmerzfrei.

Die Boulder Back Pain Study
Vor der Studie hatten die Teilnehmer*innen zwei Dinge gemeinsam:
-
Alle hatten chronische Rückenschmerzen
-
Medizinische Hilfe hatte bei niemandem langfristig helfen können.
Die Studie dauerte einen Monat. Ein Drittel der Teilnehmer*innen bekam Placebo-Spritzen mit Salzwasser in den Rücken, ein Drittel fuhr mit der bisherigen Behandlung fort und das letzte Drittel erhielt pro Woche zwei Sitzungen Pain Reprocessing Therapy. PRT wurde von Alan Gordon und seinem Team am Pain Psychology Center in Los Angeles entwickelt. Sie konnten mit dieser Therapie bereits viele Menschen mit chronischen Schmerzen erfolgreich behandeln. Mit der Boulder Back Pain Study wollte man diese Erfolge nun auch wissenschaftlich bestätigen. Und das gelang auch. Die deutlichen Ergebnisse hat selbst die Studienleiter*innen überrascht.

Von den Patient*innen in der PRT-Gruppe, waren nach dem Ende der Studie zwei Drittel der Patient*innen schmerzfrei. Zwei Drittel! Bei 98 Prozent gab es zumindest eine Verbesserung. Die fMRI Scans vor und nach der Therapie zeigten, dass sich ein Bereich, der für die Schmerzverarbeitung zuständig ist, verändert hat. Der Bereich heisst anterior Insula und ist eng verbunden mit dem limbischen System (Limbisch) und dem Thalamus (Thali).
Ashar YK, Gordon A, Schubiner H, Uipi C, Knight K, Anderson Z, Carlisle J, Polisky L, Geuter S, Flood TF, Kragel PA, Dimidjian S, Lumley MA, Wager TD. Effect of Pain Reprocessing Therapy vs Placebo and Usual Care for Patients With Chronic Back Pain: A Randomized Clinical Trial. JAMA Psychiatry. 2022 Jan 1;79(1):13-23. doi: 10.1001/jamapsychiatry.2021.2669. PMID: 34586357; PMCID: PMC8482298.
Die Studie war vergleichsweise klein, mit einer spezifisch ausgewählten Gruppe an Patient*innen und muss auf jeden Fall noch bestätigt werden, aber diese ersten Resultate stimmen zuversichtlich. Ich kenne einige Menschen (mich miteingeschlossen), die mit PRT grosse Fortschritte erzielt haben.
PRT besteht aus folgenden Teilen:
1. Verstehen, wie Schmerz entsteht
Dazu gehört das Verständnis über den Aufbau und die Entstehung des Gehirns, über die Funktion des Schmerz-Angst-Kreislaufes und das Verständnis darüber wie das Gehirn Schmerz erlernt und auch wieder verlernen kann. Wenn du die bisherigen Texte gelesen hast, verstehst du davon schon sehr viel😊.
2. Beweise sammeln
Es ist schwer zu glauben, dass Schmerz da ist, obwohl es keine körperliche Ursache (mehr) dafür gibt. Deshalb ist es wichtig, möglichst viele Beweise dafür zu sammeln, dass der Schmerz (zumindest teilweise) erlernt ist. Hier findest du mehr Infos dazu.
3. Schmerzempfindungen neu interpretieren
Um die Alarmanlage auszuschalten ist es hilfreich, die Schmerzempfindung durch einen anderen Blickwinkel wahrzunehmen. Mithilfe von Achtsamkeit bringt man Distanz zwischen sich und den Schmerz und betrachtet ihn von einem neutralen Standpunkt. Dabei lernt das Gehirn, dass diese Empfindungen ungefährlich sind und kann mit der Zeit die Schmerzen verlernen. Die wichtigsten Werkzeuge dafür sind «klug Vermeiden» und «Somatic Tracking».
4. Andere emotionale Gefahren behandeln
Alles, was unser Gehirn in einen erhöhten Alarmzustand versetzt führt dazu, dass chronische Schmerzen ein leichteres Spiel haben. Denn Stress und Schmerz sind eng miteinander verbunden. Das können ganz unterschiedliche Dinge sein wie: eine schwierige Kindheit, toxische Beziehungen oder auch psychologisch destruktives Verhalten wie sich selbst unter Druck zu setzen, Perfektionismus oder People Pleasing. Eine bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst und / oder eine Therapie können hilfreich sein aus diesen ungünstigen Denk- und Verhaltensmuster auszusteigen. Du findest viele zusätzliche Infos dazu im Wissensbereich, in meinem Blog oder bei den Werkzeugen.
5. Freude und schöne Gefühle suchen und zulassen
Mit chronischen Schmerzen erscheint die Welt gefährlicher und rauer – was am erhöhten Stresspegel liegt – und man hat meistens mehr unangenehme Gefühle als zuvor. Freude, Glück und Unbeschwertheit erhalten immer weniger Raum. Um dem Gehirn mehr Sicherheit zu vermitteln, hilft es, sich bewusst auf angenehme körperliche Empfindungen zu achten und sie zu geniessen. Auf dem Weg zurück in ein lebenswertes Leben kann man sich auf die Suche nach Dingen machen, die einem gut tun und Energie geben. Dazu findest du viele Ideen bei den Werkzeugen im Bereich «Wellness-Oase».
Und nun viel Spass, beim Stöbern und Ausprobieren! 😁🤩😘